Schutzatmosphäre Olaf Mahlstedt

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Olaf Mahlstedts vielteilige Foto-Serie „Schutzatmosphäre“ vereint seine ästhetische Sensibilität für banale Alltagsgegenstände mit einem Höchstmaß an fotografischer Perfektion. Zwischen künstlerisch reduzierter Inszenierung und scheinbar kühler Ablichtung profaner Abfallobjekte changierend, entfalten die Arbeiten ihren Reiz von Abstraktion und Sinnlichkeit zugleich.

Ob zusammengeknülltes Papier, Fassaden von Billigläden oder eben Verpackungsmaterial – Mahlstedt erhebt Wegwerfartikel des alltäglichen Ge- bzw. Verbrauchs in den Rang des Bildwürdigen. Das Aufheben im Sinne der Hegelschen Doppelbedeutung verleiht dem Inferioren einen ästhetischen Reiz. Das Vertraute, achtlos Weggeworfene wird zum Besonderen, indem er es als „un-vertraut“ exponiert. Der bedeutungsgebende Realitätstransfer entlockt dem Alltäglichen eine unbekannte Gestaltqualität, seine verborgene Schönheit. Dadurch, dass er die Objekte mittig platziert und sachlich präsentiert, tritt der Künstler bewusst hinter die statisch-serielle Systematik seiner wie zufällig wirkenden Kompositionen zurück. Durch realistisch-dokumentarische Aufnahmetechnik und großformatige Farbabzüge der Authentizität verpflichtet, werden die eigentlich flatterhaften Folien zu einer Typologie erstarrter Unruhe verfremdet. Im Geiste der Becher-Schule archivieren die konzeptuellen Fotos akribisch Grundformen und Abweichungen, Ähnlichkeiten und Differenzen.

Dabei sind die Klarsichtfolien nicht einmal „objects trouvés“ (Fundstücke) in der Tradition Duchamps, sondern das jeweilige Relikt eines „object perdu“. Dekontextualisiert verleiht ihm Mahlstedt durch meisterhafte Ausleuchtung bei betont minimalistischem Arrangement eine skulpturale Dimensionalität. Die diaphane Textur dieser weichen, elastischen und zarten Materialien erinnert an oszillierende Haut- oder Körperzellen wie auf Röntgen-Bildern oder Objektträgern mit fürs Mikroskop präparierten Zellstrukturen unbekannter Tiefsee-Organismen. Ihrer eigentlichen Funktion und Inhalte entkleidet, wirken die zurückgelassenen Schutzhüllen der tatsächlichen Gegenstände nun selbst fragil und verletzlich wie die abgezogene Haut des Marsyas oder des Hl. Bartholomäus. Geisterhaft schwerelos im Rahmen schwebend verwandeln sich die magisch leuchtenden Kunststoffgewebe zur auratischen Erscheinung, zu Vanitas-Metaphern des Immateriellen, des Verschwindens.

Ob „Müsli“ oder „Hautcreme“ – zumeist könnte das transparente Cellophan seine titelgebenden Konsumgüter überdauern, so es nicht entsorgt würde. Nur wenn die Form der Funktion folgt verweist es auf den ursprünglichen Inhalt, etwa bei den Werken „Druckerpatrone“ oder „Lego“, dessen Luftpolsterfolie auch selbst wie ein aufgeklappter Würfel aussieht. Ansonsten lassen nur Fingerabdrücke, Rudimente der Beschriftung, Aufreißspuren und womöglich minimale Reste des Inhalts wie bei einer kriminalistischen Spurensicherung Rückschlüsse zu.

Das Gefälle zwischen bildkünstlerischer Delikatesse und betont wertlosen Überresten von Industrieprodukten irritiert und lässt ambivalente Interpretationsmöglichkeiten zu. Ob man bei Olaf Mahlstedts Simulation fragiler Kostbarkeit jenseits gebrauchsorientierter Gegenstandswahrnehmung an zentrale Fragen der Kunst und Fotografie denkt oder damit eher Kritik am Konsumverhalten der Wegwerfgesellschaft assoziiert, hängt letztlich vom Betrachter ab.

Dr. Roland Seim M.A.

  • Kunsthistoriker und Kultursoziologe –


www.telos-verlag.de www.rolandseim.de

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